Zwischen dem 12. und 26. Juni 2026 registrierte das Sicherheitsunternehmen Huntress mehr als 81 Millionen Login-Versuche gegen Microsoft-365-Umgebungen. Mindestens 78 Konten in 64 Organisationen wurden übernommen. Beunruhigend ist dabei nicht allein die Masse, sondern der Weg. Viele der betroffenen Unternehmen hatten Multi-Faktor-Authentifizierung aktiviert und wurden trotzdem kompromittiert. Die Angreifer nutzten gültige, längst geleakte Zugangsdaten und einen veralteten Anmeldeweg über die Azure CLI, an dem die MFA schlicht nicht ausgelöst wurde. Wir erklären, wie der Angriff funktioniert und welche Conditional-Access-Lücken jetzt konkret geprüft gehören.
Key Takeaways: Microsoft 365 Password Spraying 2026
- Vom 12. bis 26. Juni 2026 zählte Huntress über 81 Millionen Login-Versuche gegen Microsoft 365, mindestens 78 Konten in 64 Organisationen wurden übernommen.
- Der Angriff lief über die Azure CLI und den veralteten ROPC-OAuth-Flow, der die MFA am Autorisierungsendpunkt umgeht.
- Von 23 näher analysierten betroffenen Unternehmen hatten 15 MFA per Conditional Access aktiv, aber fehlkonfiguriert, 8 hatten gar keine MFA-Policy.
- Die Zugangsdaten stammen aus alten Leak-Combolisten und wurden nie geändert.
- Das Credential-Spray-Volumen bei Huntress ist binnen sechs Monaten um mehr als das 155-Fache gestiegen.
- Wirksamster Schutz ist eine MFA- oder Blockregel für alle Nutzer, alle Cloud-Apps und alle Client-App-Typen sowie das Unterbinden von Legacy-Auth und ROPC.
- Nach einer Kompromittierung gilt es, Passwörter zurückzusetzen, Sessions und Tokens zu widerrufen und die Sign-in-Logs auf Azure-CLI- und ROPC-Anmeldungen zu prüfen.

81 Millionen Login-Versuche gegen Microsoft 365
Password Spraying ist keine neue Technik, doch die Dimension dieser aktuellen Kampagne ist bemerkenswert. Huntress beobachtete den M365-Angriff bei eigenen Kunden und zählte im Zwei-Wochen-Fenster über 81 Millionen Anmeldeversuche. Anfangs blieb die Zahl erfolgreicher Übernahmen niedrig, meist zwei bis vier Konten pro Tag. Am 22. Juni 2026 kippte das Bild, als an einem einzigen Tag 30 Identitäten in 23 Unternehmen kompromittiert wurden.
Opportunistische Ziele statt gezielter Auswahl
Die Zielauswahl der Angreifer folgte keiner Branche und keinem Muster. Sie richtete sich allein danach, wie häufig ein Passwort in geleakten Combolisten auftaucht. Betroffen waren Organisationen quer durch alle Sektoren, von der Fertigung bis zu Kanzleien. Der Datenverkehr stammte überwiegend aus einem IPv6-Bereich des Infrastrukturanbieters LSHIY LLC (AS32167). Die Geolokalisierung war widersprüchlich, mit Adressen, die teils in die USA und teils nach China verwiesen. Eine belastbare Zuordnung zu einem Täter gibt es bislang nicht.
Der Vorfall ist Teil einer größeren Welle. Nach Angaben von Huntress hat sich das Volumen an Credential-Spray-Angriffen im eigenen Kundenstamm binnen sechs Monaten um mehr als das 155-Fache erhöht, mit im Schnitt rund 1.964 fehlgeschlagenen Versuchen pro Tenant und Monat.
Der Angriffsweg über Azure CLI und den ROPC-Flow
Der eigentliche Hebel war nicht das Erraten von Passwörtern, sondern der gewählte Anmeldeweg. Die Angreifer authentifizierten sich über die Azure CLI, das Kommandozeilenwerkzeug zur Verwaltung von Azure- und Microsoft-365-Ressourcen. Dahinter steckt ein veralteter OAuth-Mechanismus namens Resource Owner Password Credentials, kurz ROPC.
ROPC nimmt Benutzername und Passwort direkt am Token-Endpunkt entgegen und stellt bei korrekten Daten ein gültiges Zugriffstoken aus. Der entscheidende Punkt ist, dass dieser Weg nicht über den Autorisierungsendpunkt läuft, an dem Conditional Access seine Regeln durchsetzt. Eine interaktive MFA-Abfrage findet nicht statt. Microsoft rät in der eigenen Dokumentation ausdrücklich von ROPC ab und bezeichnet den Flow als unvereinbar mit moderner Multi-Faktor-Authentifizierung. Mit OAuth 2.1 gilt ROPC offiziell als abgekündigt, funktioniert aber weiterhin.
Nach einer erfolgreichen Anmeldung standen den Angreifern die üblichen Wege offen. Beobachtet wurden das Anlegen von Weiterleitungsregeln im Postfach, ein klassischer Baustein von Angriffen auf die E-Mail-Sicherheit, der Zugriff auf SharePoint und OneDrive sowie das Auslesen von Verzeichnisinformationen. In mehreren Fällen folgte der Versuch von Lateral Movement über die Aufzählung von Azure-Rollen.
Warum die MFA nicht ausgelöst wurde
Am aufschlussreichsten ist der Blick auf die Unternehmen, die sich geschützt wähnten. Von 23 näher untersuchten Betroffenen hatten 15 eine MFA-Pflicht per Conditional Access eingerichtet. Sie griff trotzdem nicht, weil die Regeln den genutzten Anmeldeweg nicht abdeckten. Acht Unternehmen hatten überhaupt keine MFA-Policy.
MFA-Status der 23 näher analysierten betroffenen Unternehmen
Fünf typische Conditional-Access-Fehler
Die von der Password-Spraying-Attacke betroffenen MFA-Setups scheiterten fast immer an denselben wenigen Mustern. Die folgende Tabelle ordnet jede Fehlkonfiguration dem Grund zu, aus dem der zweite Faktor ausblieb.
| Fehlkonfiguration | Warum die MFA nicht auslöste |
|---|---|
| MFA nur für einzelne Apps statt für alle Cloud-Apps | Die Azure-CLI-Anmeldung fiel nicht unter die Policy |
| MFA nur für ausgewählte Nutzergruppen wie Administratoren | Reguläre Konten blieben ohne zweiten Faktor |
| MFA nur aus nicht vertrauenswürdigen Standorten | Die als US-Adresse fehletikettierte Angreifer-IP galt als vertrauenswürdig |
| Policy im Report-only-Modus | Die Regel wurde protokolliert, aber nie durchgesetzt |
| Gar keine MFA-Policy | Ein gültiges Passwort genügte für den Zugriff |
Password Spraying, Brute Force und Credential Stuffing
Password Spraying wird oft mit anderen Angriffsarten wie Brute Force oder Credential Stuffing verwechselt, unterscheidet sich aber deutlich von diesen. Die folgende Tabelle zeigt, wie sich die drei Angriffsarten im Vorgehen unterscheiden.
| Angriffsart | Vorgehen |
|---|---|
| Password Spraying | Wenige, häufig genutzte Passwörter gegen sehr viele Konten, um Kontosperren zu umgehen |
| Brute Force | Sehr viele Passwörter gegen ein einzelnes Konto |
| Credential Stuffing | Bereits geleakte Kombinationen aus Nutzername und Passwort werden automatisiert durchprobiert |
Die aktuelle M365-Kampagne mischt einige dieser Merkmale. Vom Ausgangspunkt her ähnelt sie Credential Stuffing, weil geleakte Zugangsdaten wiederverwendet werden, in der automatisierten Ausführung erinnert sie an einen Brute-Force-Angriff, bleibt technisch aber Password Spraying.
Sofortmaßnahmen für Ihren Microsoft-365-Tenant
Der wichtigste Grundsatz lautet, MFA und Conditional Access über alle Anmeldewege hinweg zu erzwingen, nicht nur im Browser. Huntress, Microsoft und unser Professional Service Team empfehlen folgende Schritte:
- MFA oder eine Blockregel für alle Nutzer, alle Cloud-Apps und alle Client-App-Typen bedingungslos erzwingen.
- Starke Client-Authentifizierung aktivieren (Einstellung userStrongAuthClientAuthNRequired), um ROPC-basierte Token-Ausstellung zu unterbinden.
- Legacy-Authentifizierung und den ROPC-Flow deaktivieren, wo sie nicht zwingend gebraucht werden.
- Die Azure CLI auf die Nutzer beschränken, die sie wirklich benötigen, idealerweise nur Administratoren mit zusätzlichem Schutz.
- Die Sign-in-Logs in Microsoft Entra gezielt auf Azure-CLI- und ROPC-Anmeldungen sowie auf gehäufte fehlgeschlagene Logins prüfen.
- Kompromittierte Konten sofort zurücksetzen, aktive Sessions und Tokens widerrufen und geleakte Passwörter unternehmensweit rotieren.
- Die Reaktion an der Gültigkeit von Zugangsdaten ausrichten, nicht am reinen Spray-Volumen, da die am häufigsten angegriffenen Tenants nicht die am stärksten kompromittierten sind.
Technischer Schutz vor Password Spraying
Technische Härtung kann die konkrete Lücke schließen, doch der Kern des Problems sind Identitäten. Angreifer melden sich mit gültigen Zugangsdaten an, statt eine Schwachstelle auszunutzen. Genau hier setzt identitätsbasierte Bedrohungserkennung an.
Sophos ITDR (Identity Threat Detection and Response) überwacht Anmeldeaktivitäten und schlägt bei kompromittierten Konten, ungewöhnlichen Sign-ins und verdächtigem Verhalten an, auch dann, wenn ein Angreifer ein gültiges Passwort besitzt. Ergänzt wird das durch Sophos XDR, das Telemetrie aus Endpoints, Microsoft 365 und Netzwerk zusammenführt.
Wer diese Überwachung nicht rund um die Uhr selbst leisten kann, findet in Sophos MDR ein Angebot mit einem 24/7-SOC, das genau solche Spray-Wellen und die daran anschließende Ausbreitung erkennt und stoppt. Einen Überblick über die Optionen bietet unsere Seite zu Managed Security.
Aus unserer Sicht gehört zu belastbarem Identitätsschutz mehr als ein einzelnes Werkzeug. Weil schwache, mehrfach genutzte und bereits geleakte Passwörter der eigentliche Zündstoff sind, bleibt eine Security Awareness Schulung mit Fokus auf Passworthygiene ein wirksamer Baustein. Welche Dienste und Zugänge nach außen überhaupt exponiert sind, machen Sophos Managed Risk und eine externe Schwachstellenanalyse sichtbar. Für regulierte Organisationen liefert ein Compliance Assessment den Abgleich mit Vorgaben wie NIS-2.
Fazit: Password Spraying entlarvt falsch konfigurierte MFA
Die 81 Millionen Anmeldeversuche sind vor allem ein Beleg dafür, dass MFA nur so gut ist wie ihre Konfiguration. Wo ein veralteter Anmeldeweg wie ROPC an den Regeln vorbeiführt, nützt der zweite Faktor nichts. Der wirksamste Schutz ist eine Conditional-Access-Policy, die alle Nutzer, alle Cloud-Apps und alle Client-Typen erfasst, kombiniert mit dem Rotieren geleakter Passwörter und einer Überwachung, die kompromittierte Identitäten erkennt, statt nur fehlgeschlagene Logins zu zählen. Wer diese drei Ebenen zusammenbringt, macht aus einer gefährlichen Lücke eine beherrschbare Aufgabe.
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FAQ: Microsoft 365 Password Spraying über Azure CLI
Was ist Password Spraying?
Bei einem Password-Spraying-Angriff probieren Angreifer wenige, häufig genutzte Passwörter gegen sehr viele Konten. So umgehen sie Kontosperren, die bei vielen Fehlversuchen auf ein einzelnes Konto greifen würden.
Wie konnten die Angreifer trotz aktiver MFA erfolgreich sein?
Sie nutzten den ROPC-Flow über die Azure CLI. Dieser Weg läuft nicht über den Autorisierungsendpunkt, an dem Conditional Access die MFA erzwingt, weshalb kein zweiter Faktor abgefragt wurde.
Was ist der ROPC-Flow?
Resource Owner Password Credentials ist ein veralteter OAuth-Mechanismus, der Benutzername und Passwort direkt am Token-Endpunkt annimmt. Microsoft rät davon ab, da er mit moderner Multi-Faktor-Authentifizierung nicht kompatibel ist.
Bin ich betroffen, obwohl MFA aktiv ist?
Möglicherweise. Von 23 untersuchten betroffenen Unternehmen hatten 15 MFA per Conditional Access aktiviert, die aber den genutzten Anmeldeweg nicht abdeckte. Prüfen Sie, ob Ihre Policy alle Cloud-Apps und alle Client-Typen erfasst.
Welche Einstellung schützt am wirksamsten?
Eine Conditional-Access-Policy, die MFA oder eine Blockregel für alle Nutzer, alle Cloud-Apps und alle Client-App-Typen erzwingt, zusätzlich die Einstellung userStrongAuthClientAuthNRequired sowie das Deaktivieren von Legacy-Auth und ROPC.
Was tun, wenn ein Konto bereits kompromittiert wurde?
Passwort zurücksetzen, aktive Sessions und Tokens widerrufen, die Postfachregeln auf unerwünschte Weiterleitungen prüfen und die Sign-in-Logs auf weitere betroffene Konten durchsuchen.
Wie hilft Sophos gegen solche Angriffe?
Sophos ITDR erkennt kompromittierte Identitäten und verdächtige Anmeldungen, Sophos MDR ergänzt das um ein 24/7-SOC. Beide greifen auch dann, wenn Angreifer mit gültigen, geleakten Zugangsdaten arbeiten.
